3. Das Zeitalter des Barock (1600-1720)

Keine Epoche der europäischen Kulturgeschichte ist so von Widersprüchen geprägt wie das Zeitalter des Barock, und doch hat es durch die dauernde Synthese der unterschiedlichen Elemente kaum je einen derart dichten Zusammenhang in Literatur, Malerei und Musik gegeben. Hatten Humanismus und Renaissance den Blick auf das Diesseits gelenkt und ein säkularisiertes Weltbild entworfen, so verändert das Barock, ganz im Zuge der Gegenreformation, wieder die Perspektive: der Tod ist allgegenwärtig, die durchaus vorhandene Weltlust ist stets von der Gewißheit ihrer Endlichkeit überschattet. Die Welt wird zwar nicht mehr wie im Mittelalter als Jammertal gesehen, aber ihre Freuden und ihre Schönheit haben keinen Bestand. Für das transzendente Bewußtsein der Epoche ist alles Irdische nur Schein und Trug - und dennoch wird es nicht negiert, sondern gerade aufgrund seiner fehlenden Dauerhaftigkeit zum Objekt des gesteigerten Interesses, ja der Begierde.
Auch die deutsche Barockliteratur steht im Spannungsfeld von Lebensfreude und Todesbangen, Weltgenuß und Jenseitssehnsucht. Nirgendwo hatte sich der Tod als so allmächtig, irdisches Glück als so wechselhaft, Hab und Gut als so unsicher erwiesen wie in den vom Dreißigjährigen Krieg heimgesuchten Gebieten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Vergänglichkeit heißt das Schlagwort: ob Christian Hofmann von Hofmannswaldau in seinem berühmten Gedicht Vergänglichkeit der Schönheit beim Anblick einer jungen Frau, ob Andreas Gryphius im beklemmenden Sonett Wir sind ja nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verhehret (1637) anläßlich der Zerstörung Magdeburgs oder Simon Dach in der Klage über den endlichen Vntergang vnd ruinirung der Musicalischen Kürbs=Hütte vnd Gärtchens über das Verschwinden eines harmlosen Vorstadtgärtchens, das den Königsberger Poeten - die sich nebenbei die »Sterblichkeitsbeflissenen« nannten - als Treffpunkt diente - immer ist die Unbeständigkeit alles Materiellen zugleich Ausdruck der Todesgewißheit, aus jeder Zeile tönt das Memento mori ('Gedenke des Sterbens'), welches das damalige Lebensgefühl durchdrang.
Alles, was der Mensch sich im Diesseits ersehnt, ist eitel: Glück, Macht, Erfolg, Reichtum, Liebe, Lust: der Vanitas-Gedanke beherrscht alle Lebensbereiche und wird auch in der Literatur auf unterschiedlichste Weise thematisiert. Gryphius, der bedeutendste Lyriker und Dramatiker des deutschen Barock, hat in seinen Bühnenwerken, allen voran Leo Armenius (1650), die menschliche Geschichte nicht als Entwicklung, sondern als Vergänglichkeit poetisch definiert; das Scheitern der Figuren geschieht nicht aus tragischem Konflikt, es erfolgt aus transzendentaler Notwendigkeit, denn ihr Streben nach Größe bedeutet bereits ihren Fall.
Derselbe Vanitas-Gedanke liegt Daniel Casper von Lohensteins blutrünstigen, alle erdenklichen Laster und Verirrungen darstellenden Stücken zugrunde (u. a. Sophonisbe, 1680), und nicht anders steht es mit dem größten Roman der Epoche, Hans Jakob Christoph von Grimmelshausens Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch (1669), dessen Held in eine Welt der Exzesse, der Brutalität und der Gier geworfen wird und darin Höhen und Abgründe selbst durchlebt um der Erkenntnis willen, daß alles Streben eitler Wahn ist.
Diese Grundhaltung förderte auch im hohen Maße die Entstehung von geistlicher Dichtung. Das Kirchenlied, das durch die Reformation - zunächst als wirkungsvolles Mittel im Konfessionsstreit - in Deutschland zentrale Bedeutung erlangt hatte, erreichte nun durch Paul Gerhardt (O Haupt voll Blut und Wunden), Georg Neumark (Wer nur den lieben Gott läßt walten), Johann Rist (O Ewigkeit, du Donnerwort), Paul Fleming und andere nun seinen Höhepunkt. Darüber hinaus schufen Gryphius, Dach, Angelus Silesius (eigtl. Johannes Scheffler) und Daniel von Czepko religiöse Lyrik von großer Tiefe und sprachlicher Schönheit.
Nicht nur in der geistlichen Dichtung ist das Grelle und Wuchernde, das die Barockzeit oft kennzeichnet, weitgehend aufgehoben. Vor allem in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts und vornehmlich im norddeutschen Raum neigt die Literatur weniger zum Höfisch-Repräsentativen, sondern trägt eher bürgerliche Züge, ist schlichter und strenger. Doch auch hier wirkt sich der Geist der Epoche aus. Was sich im Extremfall als Manieriertheit und Schnörkel manifestiert, ist auch in diesen weniger 'spektakulären' Barockdichtungen zu finden: der Wille zur Form, der im 16. Jahrhundert noch kaum ausgeprägt gewesen war.
Nun kommt es auf die artistische Disziplinierung an, auf die kunstvolle Anwendung poetischer Formen. Grundlegend und von weit über seine Zeit hinausreichender Bedeutung war das an der europäischen Renaissance und der klassischen Antike orientierte Werk Martin Opitz', der in vielerlei Hinsicht als 'Vater der deutschen Literatur' angesehen werden kann. Sein Ouvre umfaßt Sonette, Oden und Epigramme ebenso wie Dramen (Aristarchus, 1617) und Hirtendichtung (Schäfferey von der Nimfen Hercinie, 1630), die allesamt zu stilistischen und formalen Vorbildern wurden. Mit seinem Buch von der Deutschen Poeterey (1624) schrieb er die Poetik des 17. Jahrhunderts, in der er Gattungsabgrenzungen, Stilmittel und die Anwendung von Dichtung behandelte. Mit seiner Forderung nach einer akzentuierenden Metrik, durch die Wort- und Versakzent in Einklang gebracht wurden, schuf er die Voraussetzung für die Entfaltung der deutschen Lyrik.
Mit seinen Bemühungen um die deutsche Sprache und Dichtung stand Opitz allerdings nicht allein. Seinem Beispiel folgten zahlreiche namhafte Literaten der Zeit und verfaßten teils erweiterte, teils anders konzipierte Poetik-Bücher, u. a. Philipp von Zesen (1640), Johann Peter Titz (1642), Johann Klaj (1645), Georg Philipp Harsdörffer (Poetischer Trichter, 1647-50), Andreas Tscherning (1658) und Daniel Georg Morhof (1682). Nicht nur die Regulierung der Dichtkunst, sondern auch die Pflege und Förderung der deutschen Sprache war das Ziel der im 17. Jahrhundert zahlreich gegründeten Sprachgesellschaften, deren Mitglieder neben Literaten und Gelehrten sich aus Fürsten, Adligen und Hofbeamten rekrutierten. Die bedeutendste war die Fruchtbringende Gesellschaft (nach ihrem Wappen auch Palmenorden genannt), die 1617 ins Leben gerufen wurde. Daneben bestanden die Aufrichtige Tannengesellschaft (1633), die Teutschgesinnte Genossenschaft (1643), der Nürnberger Kreis der Pegnitzschäfer (1644) und der Elbschwanenorden (1658); die meisten Dichter der Zeit gehörten als korrespondierende Mitglieder einer, meist sogar mehreren dieser Vereinigungen an.
Welche zentrale Rolle die Form im Barock spielte, zeigt sich nicht nur in diesen normativ-didaktischen Bemühungen, sondern ist in den Werken selbst deutlich feststellbar. In Lyrik, Drama und Prosa bediente man sich einer großen Vielzahl rhetorischer Figuren, bei denen vor allem Metaphern und Allegorien als besonders komplexe Wort-Sinn-Verbindungen den Vorrang genossen. Vorgeprägte Schemata wurden immer wieder verwendet: antike Topoi und die zu jener Zeit zum Volksgut gewordenen Embleme charakterisieren die Dichtwerke, die oft nur durch deren Kenntnis entschlüsselt werden können.
In diesem literarischen Gestus treffen sich die zwei Tendenzen des Barock: einerseits die Vorliebe für eine Gestaltungsweise, deren Doppelbödigkeit dem Transzendenzbewußtsein entspricht, andererseits die Neigung zum Effekthaften, die sich in der virtuosen Handhabung des Sprachmaterials objektiviert. Jenseitsgewandtheit und Vergänglichkeitskult sind untrennbar verbunden mit Lebenslust, ja Lebensgier: auf der Rückseite des memento mori steht carpe diem ('Nutze den Tag').
Eine eigenartige Synthese bildeten die Jesuitendramen, deren strenge religiöse Botschaft durch einen ungeheuren Aufwand, ein theatralisches Feuerwerk, wie es bühnentechnisch erst wieder im 20. Jahrhundert erreicht wurde, bis zur Unkenntlichkeit übertüncht wurde: das Spektakel der Haupt- und Staatsaktionen stand ganz im Zeichen von Pomp und Repräsentationssucht, der Glanz der Welt, dessen Vergänglichkeit und Sündhaftigkeit demonstriert werden sollte, gab selber den Rahmen für das Dargestellte.
Das Barockzeitalter lebt von ständiger Antithese, und so gehört zur düsteren Grabesthematik die Beschreibung des drallen Lebens, zu ihr aber wiederum ihre Ironisierung und der Spott über diejenigen, die - Sklaven ihrer Begierden - dem irdischen Glück nachjagen. Grimmelshausens Simplicissimus, dieses monumentale Sittengemälde der Jahrhundertmitte, enthält aus dem naiven Blickwinkel des Titelhelden mehr als eine scharfe Satire auf das Gebaren der Zeitgenossen; Gryphius' Komödien Absurda comica oder Peter Squenz (1644/57) und Horribilicribrifax oder wehlende Liebhaber (1663) führen im bunten Treiben der Welt die Lächerlichkeit der Dünkelhaften, von sich Eingenommenen und Eitlen wirkungsvoll vor.
Aber das Verkehrte und Maßlose ist auch ein Merkmal vieler Barockwerke selbst. Der übersteigerte Formwille führte zur Überladung mit Metaphern, die immer kühner und weithergeholter wurden, der Gehalt wurde zugunsten des Effekts oft vernachlässigt. Schwulst: dieser Begriff bezeichnete schon seit Ende des 17. Jahrhunderts die literarischen Erzeugnisse der sogenannten 2. Schlesischen Schule (als deren Hauptvertreter Daniel Casper von Lohenstein und Christian Hofmann von Hofmannswaldau gelten) und des spätbarocken Manierismus im allgemeinen und wurde bald zum negativen Stempel für die gesamte Epoche. Dabei gelten vor allem die Epigonen der beiden Genannten aus heutiger Sicht noch als 'schwülstig' im Sinne von 'artifiziell und leer', während die literarische Qualität sowohl des Dramatikers Lohenstein wie des Marinisten Hofmannswaldau (nach Giambattista Marini) in unseren Tagen durchaus gewürdigt wird.
Hierin spiegelt sich die Rezeptionsgeschichte der deutschen Barockliteratur, die mit Einsetzen der Aufklärung in Bausch und Bogen für minderwertig erklärt wurde und nur sehr zögerlich eine Rehabilitierung erfuhr. Auch die Literaturwissenschaft hat das 17. Jahrhundert sehr lange als Stiefkind behandelt, bis in den 60er Jahren unseres Jahrhunderts eine breite Beschäftigung mit der Literatur des Barocks begann.
Gerade die Unausgeglichenheit, der Kontrastreichtum, die Neigung zum Extremen legen in vielen Aspekten eine Affinität der Barockzeit zu unseren Tagen nahe. Mögen Monstrositäten wie die von gelehrten Einschüben durchsetzten, überdimensionierten Romane Herzog Anton Ulrichs von Braunschweig, Daniel Casper von Lohensteins und Philipp von Zesens heute ebenso belächelt werden wie die Neuerungswut mancher Sprachgesellschafter, die etwa für Fenster »Tagleuchter«, für Fieber »Zittersucht« und andere Wunderlichkeiten mehr vorschlugen - die Modernität vieler Aspekte der Barockliteratur läßt sich nicht leugnen.
Die Anziehung durch das Exotische, wie sie in den Reise- und Abenteuerromanen zum Ausdruck kam, etwa in Heinrich Anselm von Zigler und Kliphausens Die Asiatische Banise, Oder das blutig doch muthige Pegu (1689), finden wir im ausgehenden 20. Jahrhundert ebenso wieder wie das gesteigerte Interesse für Rätselhaftes, Verborgenes und Okkultes, wie es für die Schriften Athanasius Kirchners und vieler anderer Gelehrter der Zeit charakteristisch war. Die Suche nach immer neuen Ausdrucksmitteln verbindet den abstrus-faszinierenden Kühlpsalter von Quirinus Kuhlmann und die der Lautpoesie sich nähernden Gedichte Johann Klajs mit experimentellen Texten von Oskar Pastior und HC Artmann, die das Barock in ihren Schriften auch explizit einbeziehen.
Allgemeines: - portugiesisch; pérola barroca = unregelmäßige Perle (Übertreibung, Prunk)
- Ende 18. Jh. Verwendung als Epochenbegriff, 20. Jh. Verwendung in der Literatur
Wortbedeutung - Das Wort "Barock" ("der" oder "das" Barock) kommt aus dem portugiesischen "barocco" und bedeutet "seltsam geformte, schiefrunde Perle"; es wurde im 18. Jh. in Frankreich als Bezeichnung ("baroque") für Kunstformen gebraucht, die dem klassizistischen Geschmack der Franzosen nicht entsprachen; der Begriff war also ursprünglich abwertend gemeint.
Das Weltbild des Barocks
- Schmuck, Üppigkeit, Bewegtheit der Formen
- Wiederaufklingen des mittelalterlichen Dualismus zwischen Gott und Welt
- zerrissenes Lebensgefühl, Widerstreit zwischen Ewigkeit und Vergänglichkeit, Todesangst (z.T. religiös bedingt, z.T. durch den Dreißigjährigen Krieg) und Lebenshunger
- selbige Antithetik Grundprinzip in der Dichtung, demnach pessimistisch-hoffend
- Höfe der absolutistischen Fürsten als kulturelle Mittelpunkte, Bildung von Sprachgesellschaften, in denen sich gebildete Adlige und bürgerliche Gelehrte zusammenschlossen
Historischer Hintergrund: - Reformation, Gegenreformation, Absolutismus / - Dreißigjähriger Krieg (1618 - 48), den nur ein Drittel der deutschen Bevölkerung überlebte, moralischer und kultureller Verfall
Grundlagen - Das Zeitalter des Barock wurde von drei wesentlichen Grundkräften bestimmt: dem Absolutismus, der Kirche und der Tradition der Antike.
Sichtbarer Ausdruck des Absolutismus ist das Schloss. Ein barockes Schloss ist groß, ausladend, geschmückt mit Marmorsäulen, breiten Treppen, raffinierten Wand- und Deckenmalereien. Alles soll überwältigend wirken, um dem Besucher zu zeigen, wie mächtig und bedeutend der Besitzer des Schlosses ist. Denn ein barockes Schloss (z.B. Versailles bei Paris, Schönbrunn in Wien, Nymphenburg in München) war mehr als ein Wohnsitz; es war das Zentrum der fürstlichen Macht. Der absolutistisch regierende Herrscher entfaltete in dem Schloss und in der großen Parkanlage, die zum Schloss gehörte, seine prachtvolle Hofhaltung. Sie war bestimmt von glanzvollen Auftritten des Fürsten, von Hoffesten mit Balletteinlagen, Opernaufführungen, Theaterstücken, von ausgedehnten Jagden, Bällen und Empfängen. Zu diesem Zweck war viel Personal nötig, das im Dienst des Fürsten stand. Der Schriftsteller war dabei nicht einmal der wichtigste Posten. Viel wichtiger waren z.B. der Kapellmeister, der Architekt, der Hofmaler. Doch auch der Poet erhielt vom Fürstenhof seine Aufträge und seinen Unterhalt. Je nach den Bedürfnissen des Herrschers hatte er zu dessen oder der Hofgesellschaft Unterhaltung Gedichte zu schreiben oder spannende Romane, musste Theaterstücke verfassen, häufiger aber kleine Szenen und Spiele, die anlässlich eines Geburtstages oder einer Thronfeier oder einer siegreichen Rückkehr aus einem Krieg zur Ehre des Fürsten aufgeführt wurden.
Ein weiterer Auftraggeber der Dichter war die Kirche, v.a. die katholische Kirche. Sie war im 16. Jh. durch die Reformation (1517) herausgefordert worden. Um gegenüber dem Protestantismus wieder an Boden zu gewinnen, hatte man im Zuge der so genannten Gegenreformation vielfältige Anstrengungen unternommen (Trienter Konzil 1545, Jesuitenorden). Dazu gehörte auch der neue Baustil des Barock, der sich im 17. Jh. durchsetzte. Er entsprach äußerlich dem des Schlosses und sollte auch eine ähnliche Aufgabe erfüllen. Marmorsäulen, Deckenmalereien, Engel- und Heiligenfiguren, Farben und raffinierte Lichteffekte, die durch die Gestaltung der Fenster erzeugt wurden, sollten die Sinne der Gläubigen betören und sie von der Größe der katholischen Kirche überzeugen. Der Dichtung fiel die Aufgabe zu, geistliches Gedankengut in Liedern, Gedichten oder Schauspielen (Jesuitendrama) zu verbreiten. Solche Literatur fand ihr Publikum. Die Menschen waren für Religiöses empfänglich, nicht zuletzt infolge der Zerstörungen durch den Dreißigjährigen Krieg (1618-1648). (Neben diesen beiden Auftraggebern trat ein weiterer auf: das Bürgertum. In den Städten [in Deutschland v.a. Leipzig] wuchs allmählich eine Nachfrage nach Literatur, die man nicht durch direkte, persönliche Aufträge an einen Poeten befriedigte, sondern indem man die Bücher - so wie heute - bei einem Buchhändler kaufte. Diese neue Verbreitungsweise von Literatur, der Literaturmarkt, war im 17 Jh. aber erst im Entstehen.).
Die dritte bestimmende Kraft des Barock war die Tradition der Antike. In einer Weise, die heute kaum noch nachzuvollziehen ist, galten antike Schriftsteller (v.a. Homer, Aristoteles, Ovid, Vergil, Horaz, Seneca) und ihre Werke als die großen Vorbilder. (Zu den antiken Autoren kamen Autoren der Renaissance, desjenigen Zeitalters, das sich als "Wiedergeburt" der Antike verstand.) Anweisungen und Vorschriften über die Literatur, die die antiken Schriften enthielten, suchte man zu erfüllen. Man strebte ferner danach, Werke zu schaffen, die den antiken vergleichbar waren. Für einen Dichter galt es als höchste Ehre, wenn er etwa als der "Deutsche Horaz" bezeichnet wurde.
Dabei nahm man einen möglichen Widerspruch in Kauf. Die Antike war nämlich heidnisch, oft sinnenfroh, lebenslustig und im christlichen Sinne "sündhaft", "unmoralisch". Die christliche Religion sah das irdische Leben nur als Durchgangsstadium zum Jenseits, die Antike aber feierte oft die Freude am Diesseits. Die Kirche verbot offiziell vieles, was die antiken Autoren priesen. Dennoch standen religiöse Einstellung und heidnisch-antike Lebensweisheit bei einem Dichter, manchmal auch in einem Werk unvermittelt gegenüber.
Literarische Formen - Jesuitendrama (Dramendichtung von Angehörigen des Jesuitenordens)
- Tragödie, Komödie, Roman, erzählende Dichtung
- Schäferdichtung (Schaffung einer paradiesischen Hirtenwelt)
Merkmale der Barockliteratur - Die Literatur war eingeteilt in ganz bestimmte Gattungen. Jede Gattung hatte verbindliche Inhalte und vorgeschriebene Formen. Die Regeln für diese Gattungen waren in so genannten Poetiken (Dichtungslehren) formuliert. Diese Poetiken stützten sich natürlich auf antike Vorbilder (Poetiken oder Rhetoriken [Redelehren]), die man übernahm, aber oft auch erweiterte. Große Bedeutung hatte z.B. die Lehre von den Stilebenen. Sie ordnete alle Dichtungen drei Stilen zu. Der hohe Stil war durch eine würdevolle, wohlklingende Sprache gekennzeichnet, der niedere durch eine einfache; die Sprache des mittleren Stils lag dazwischen. Dichtungen des hohen Stils durften nur erhabene, heroische, ernste Themen behandeln; komische Themen gehörten zum mittleren, derbe zum niederen Stil. Diese Einteilung in Stile war auch Ausdruck des ständischen Denkens der damaligen Zeit. Man teilte nämlich die Gesellschaft in drei Stände ein, die den Stilen entsprechen: Adel/Hof - Bürger/Stadt - Bauern/Land.
Als Beispiel seien die Gedichte genommen, die wir heute als "Liebeslyrik" bezeichnen. Im Barock gab es eine solche Dichtungsart nicht, sondern drei klar getrennte Gattungen: die hohe Liebeslyrik, die erotische Dichtung des mittleren Stils und die obszöne Dichtung des niederen Stils. In der hohen Liebeslyrik preist das lyrische Ich die Schönheit und Tugend einer Geliebten. Diese ist für das lyrische Ich unerreichbar, weshalb die Grundstimmung eher elegisch, traurig ist. Dabei werden die charakterlichen Eigenschaften und die Körperteile der Dame bis einschließlich zum Busen mittels Vergleichen und Bildern geschildert. Die mittlere Liebeslyrik preist die sinnlich, erotische Liebe; das lyrische Ich versucht die nahe Geliebte zum körperlich-sexuellen Kontakt zu überreden. Dabei dienen zweideutige Naturbilder dazu, die einschlägigen Körperteile und Aktionen zu umschreiben. Der Grundton dieser Dichtung ist scherzhaft, heiter. In der niederen Liebesdichtung werden vorwiegend pervers-sexuelle Vorgänge sehr direkt, drastisch dargestellt. Die Form der hohen Liebesdichtung ist das Sonett. Mittlere und niedere Liebesdichtung kann in verschiedenen Formen vorkommen, allerdings nicht im Sonett.
Im Gegensatz zu unserem heutigen Verständnis von Dichtung kam es im Barock nicht darauf an, möglichst originell zu sein, sich von seinen Konkurrenten zu unterscheiden, etwas zu schaffen, was als "neu" und "einmalig" galt. Im Gegenteil, die getreue Einhaltung der Vorgaben war das, was man erwartete. Ein Leser des Barock wollte, wenn er ein Liebesgedicht des hohen Stils las, das wieder finden, was er gewohnt war (ähnlich wie ein Fan von Fernsehserien heutzutage). Der Wert eines Barockdichters maß sich daran, ob er fähig war, das vorgegebene Muster zu erfüllen. Dabei durfte und sollte er sich durchaus Variationen der Muster erlauben, z.B. einen neuenVergleich für die Wangen, die Augen einer schönen Frau in der hohen Liebeslyrik. Auf keinen Fall ging es darum, subjektive und einmalige Erlebnisse, ureigenste persönliche Anschauungen in ganz eigener Weise auszudrücken. Dies bedeutet nicht, dass ein Barockdichter nicht empfand oder glaubte, was er schrieb; dies galt v.a. bei geistlicher oder ernster Dichtung. Bei der Liebesdichtung jedoch sagt das Werk nichts über das subjektive Empfinden und ein eventuelles Erlebnis des Dichters aus.
Quer durch alle Gattungen barocker Dichtung ziehen sich einige Stilmerkmale:
- Insistierende Nennung: Erweiterung einer Aussage durch wiederholte Betrachtung aus verschiedenen Perspektiven, Variieren und Umkreisen einer Hauptidee.
- Häufung: Wiederholung und Variation von Wörtern, Beispielen, Vergleichen, Bildern, Satzgliedern und Sätzen, ohne dass sich immer der Aussageinhalt verändert.
- Besonderheiten des Satzbaus: Wegfall von Konjunktionen und bereits schon einmal genannter Satzglieder, verselanges Nichtnennen des Subjekts und Prädikats, die oft mehreren Sätzen gemeinsam sind.
- Antithetik: Wörter, Versteile, Halbverse, ganze Verse und Strophen werden einander gegenübergestellt.
- Emblematik: besondere Bildsprache des Barock. Die Embleme (wörtlich "Sinnbilder") waren allgemein bekannt, ihre Bedeutung festgelegt und durch Tradition verbürgt. Sie wurden in Büchern gesammelt und von dort in die Malerei und in die Literatur übernommen. Ein Emblem besteht aus drei Teilen: einer Überschrift (inscriptio), die eine Sentenz, ein Sprichwort, eine moralische Forderung enthält, einem Bild (pictura), das z.B. Pflanzen, Tiere, Geräte, Tätigkeiten, Vorgänge des menschlichen Lebens, eine mythologische, biblische, historische Figur oder Szene zeigt, und einer meist in Versen verfassten Erklärung (subscriptio).
Vertreter - Wichtige Autoren und Werke - Die meisten Romane und Dramen des Barock sind heute so gut wie unbekannt. Barocklyrik ist schon eher verbreitet.
Bedeutende Lyriker sind: - Georg Rudolf Weckherlin (1584-1653), Georg Philipp Harsdörfer (Schäferdichtungen), Johann Rist, Phillip von Zesen, Christian Hofmann von Hofmannswaldau (1617-1679), Sigmund von Birken, Friedrich von Logau (Deutscher Sinngedichte drey Tausend)
Neben der Lyrik hat noch der Schelmenroman "Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch " von Christoffel von Grimmelshausen (1621-1676) die Jahrhunderte überdauert.
- Einer der populärsten Barockdichter zur damaligen Zeit war Daniel Caspar von Lohenstein (1635-1683), der heute weit gehend unbekannt ist (barocktypisch, Cleopatra, Sophonisbe).
- Ähnliches gilt für Martin Opitz (1597-1639) - (erste deutsche Poetik Buch von der deutschen Poeterey, Dafne), der eine damals berühmte Poetik verfasste und die noch heute gebräuchlichen Versmaße in die deutsche Sprache einführte. / - Jakob Bidermann (Jesuitendrama Cenodoxus) / - Andreas Gryphius (1616-1664, auch Autor bedeutender Dramen und damals populärer Romane). (Tragödien Catharina von Georgien, Cardenio und Celinde, Komödie Absurda Comica) / - Heinrich Anselm von Zigler und Kliphausen (Die asiatische Banise)